Unsere Partnerstadt
 

La Madeleine ist eine Stadt mit gänzlich anderem Charakter als Kaarst. Sie ist eng verwoben mit dem Oberzentrum Lille; der neue Bahnhof von Lille für die TGV-Züge nach Paris, Brüssel und London grenzt unmittelbar an La Madeleine. Auf dem Gemeindegebiet von 278 qkmGleichwohl ist sie eine selbständige Stadt und unterscheidet sich dadurch grundlegend von den Stadtbezirken unserer Großstädte.

Auf dem Gemeindegebiet von 278 qkm leben rund 23000 Menschen. . 

Die Stadt hat eine reiche und wechselvolle Geschichte, wie die folgende Darstellung zeigt, die wir aus Quellen unserer Freunde in La Madeleine übersetzt und zusammengestellt haben: 
(Bild: Europakarte)

Im Mittelalter ist Flandern ein sehr reiches Gebiet, die Städte blühen, der Handel gedeiht, und der Ruf der Textilprodukte breitet sich weithin aus. Lille ist eine dieser Städte, die Grafen von Flandern herrschen hier als Vasallen des Königs von Frankreich. 1223 wurde am Stadtrand von Lille an der Straße, die nach Courtrai führt, eine Kapelle, die der heiligen Maria Magdalena gewidmet ist, vom Bischof von Tournai zur Pfarrkirche ernannt. Bis zu dieser Zeit hielt ein Pfarrer der bedeutendsten Kirche von Lille, St. Etienne, dort Gottesdienste ab, aber die Bewohner konnten nur daran teilnehmen, wenn die Stadttore noch nicht für die Nacht geschlossen waren.

In einem dieser kleinen Dörfer, Trou oder Berkem genannt, gab es schon eine Tongrube, die Backsteine produzierte, die für Bauten in Lille verwendet wurden. Wahrscheinlich sind einige davon beim Bau des Hospizes Comtesse im alten Lille benutzt worden. Das günstige Zusammentreffen von Land- und Wasserweg nach Flandern und in die Niederlande scheint die wirtschaftliche Entwicklung und den Reichtum dieser Gegend begünstigt zu haben.

In Friedenszeiten entstehen mehrere Höfe (32 allein im Jahr 1505), das Kloster Recolletts und zwei Mühlen. In einem Dokument aus dem Jahr 1598 wird La Madeleine als Dorf mit Glockenturm genannt. Fünf Gasthäuser blühen auf als Treffpunkt für die zahlreichen Bogenschützen der Gegend. La Madeleine liegt auf dem Weg ins Hinterland für die Stadtbewohner. In den Gasthäusern übernachten Reisende, die nach der Schließung der Stadttore abends ankommen. Unser Gebiet war leider immer sehr beliebt, Armeen fast aller westeuropäischen Länder sind hier aufeinander geprallt. Die Bewohner von La Madeleine, die eigentlich in Frieden leben wollten, haben ihr Dorf zehnmal in acht Jahrhunderten abbrennen sehen. Alle Belagerer der Stadt Lille haben sich hier verschanzt, genauer im Weiler Berkem, der sicher einer der wichtigsten strate­gischen Orte für sie war.

Es ist bemerkenswert mit welchem Mut und weicher Ausdauer die Einwohner nach jedem Angriff ihr Dorf wiederaufgebaut haben.

(Bild: Wandteppich mit Motiv La Madeleine um 1600)
                            La Madeleine um ca. 1600

Nach der Eroberung von Philippe Auguste im Jahr 1214 bis 1383 wurde das Land von den Franzosen beherrscht. Die Heirat der letzten Erbin der Grafen von Flandern mit dem Herzog von Burgund brachte burgundische Herrschaft. Besonders der prachtliebende Philippe le Bon, der oft im Palais Rihour in Lille Hof hielt, ging in die Geschichte ein.

Als Maria von Burgund Maximilian, den späteren Kaiser von Österreich 1477 heiratete, wechselte das Land in den Besitz der Habsburger. Die Heirat ihres Sohnes Philipps des Schönen mit Johanna der Wahnsinnigen brachte die Herrschaft der spanischen Könige. Hundert Jahre bis 1667 wurde unser Gebiet von den Spaniern beherrscht. Um diese Zeit erhob Ludwig XIV, der die spanische Infantin Marie-Thérèese geheiratet hatte, Ansprüche auf die Stadt Lille und eroberte sie nach neuntägiger Belagerung. Trotz der Herrschaftsansprüche verschiedener Fürsten blieb das Gebiet eindeutig französisch bis zur Revolution.

La Madeleine litt sehr unter der Revolution. Zwei Zahlen belegen das: 1789 wohnten 800 Menschen in La Madeleine, 1792 waren es nur noch 500 Einwohner.

Ein gewisser Barbeau-Royer vermerkt 1799 in seiner Beschreibung “Reise durch die nördlichen Départements La Lys und L´Escaut“ ‚ dass die Straße nach Courtrai in sehr schlechtem Zustand waren, die Wagen versanken im Schlamm, und die halbverfallenen Dörfer waren voller Unkraut. Etwas später - 1806 - bat der Bürgermeister den Präfekten um die Erlaubnis, eine Schafherde im Dorf weiden lassen zu dürfen, was beweist, dass der Boden sehr schlechte Qualität hatte.

Die Bevölkerung erreicht um 1832 wieder die Zahl 800, und von diesem Zeitpunkt an entwickelt sich La Madeleine sehr schnell. Sie profitiert vom Zeitalter der Industrialisierung. 1842 wird die erste chemische Fabrik gegründet und 1847 von M. Kuhlmann erworben. 1848 wird die Eisenbahn gebaut. Viele Betriebe, die Textilwaren, Apparate und Nahrungsmittel erzeugen, werden gegründet. Handwerker machen sich selbständig. Im neunzehnten Jahrhundert gehört der Fuhrmann mit dem Handwagen, bisweilen von einem Hund unterstützt, der Waren vom Bahnhof zur Fabrik oder umgekehrt transportiert‚ zum alltäglichen Straßenbild. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird viel gebaut:

La Madeleine ist eine einzige Baustelle. Sehr bald bilden sich in der Bevölkerung Gruppen, die karitative, künstlerische oder sportliche Ambitionen haben. Der “Tir Madeleinois“ zum Beispiel ist die älteste Sportgemeinschaft des Nordens. Die Stadt zeigt auf allen Gebieten erstaunliche Initiative. Da La Madeleine im Lauf der Jahrhunderte immer wieder zerstört wurde, ist es klar verständlich, dass die Architektur der Stadt eine fast vollständige Auswahl der verschiedenen Baustile der letzten 150 Jahre anbietet. Die augenblickliche Kirche Ste. Marie-Madeleine ist der vierte Bau seit der ersten Kapelle, die der Stadt ihren Namen gab, und befindet sich im Stadtviertel von Chaufour. Sie wurde 1885 vollendet. Schon 1864 wurde eine zweite Pfarrkirche in Berkem gebaut. Da sie einzustürzen drohte, wurde sie 1984 durch eine schöne, moderne Backsteinkirche ersetzt, die in dieses Viertel passt, Fünf Jahre nach dem Bau von Sainte Marie-Madeleine wurde das Rathaus 1892 im flämischen Neurenaissancestil errichtet. Während dieser Zeit wurden viele Backsteinhäuser entlang der Straßen gebaut. Die Eigentümer verwendeten viel Mühe darauf, die Häuser mit Ornamenten aus glasierten Backsteinen (die noch am Rathaus zu sehen sind) und mit bearbeitetem Holz oder größeren Erkern zu schmücken.

Die Arbeiter wohnten in den damals üblichen “courées“ (Höfen), die die Industriellen für sie gebaut hatten. Die vermögenden Familien ließen sich Schlösser bauen, geräumige, bürgerliche Wohnhäuser inmitten von Parkanlagen. Das Schloss Dufour ist eines von ihnen.

1904 wird mit dem Bau des “Grand Boulevard“ begonnen. Er ist eine 50 m breite Straße, die Lille, Roubaix und Tourcoing, die drei großen Industriezentren der Region, verbinden soll. Genau wie in der Vergangenheit, als La Madeleine an der Straße von Coutrai zwischen der Stadt und dem Fluss lag, so verursacht diese neue Verbindungsstraße den Bau eines neuen Viertels. Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts kommen öffentliche Gebäude im Jugendstil auf: La Rotonde und das gegenüberliegende Gebäude Nr. 241 und 243, erbaut von Haussman. Unter den Privathäusern fällt die Nr. 238, erbaut 1911, auf durch eine phantastische Fassade, die mit Wasserspeiern dekoriert ist und alle möglichen Stilmerkmale, selbst dorische Säulen aufweist. 1933 brauchten die Bewohner des Viertels eine neue Kirche Notre-Dame de Lourdes, die gemeinsam mit einem Pfarrzentrum im typischen Stil zwischen den beiden Weltkriegen gebaut wurde.
 
Im Herbst 1939 tritt Frankreich in den Krieg ein. Die Niederlage von 1940 versetzt die Region Nord-Pas de Calais in die verbotene Zone, es werden für La Madeleine vier dunkle Jahre der Unterdrückung jeder Art, während der sich die Bevölkerung würdevoll verhält. Der passive Widerstand der Mehrheit wird ergänzt durch wirkungsvolles Handeln einer Zahl von Kämpfern, die ihren Mut oft mit dem Leben bezahlen oder mit schrecklicher Deportation. Ihr Andenken wird durch die Straßennamen Eugène d'Hallendre und François de Guillebon sowie den Namen Platz der Erschossenen und Deportierten dauerhaft bewahrt. Jahrelang erduldet La Madeleine in verhängnisvollen Verhören die Gegenwart der deutschen Gegenspionage. Nach der Befreiung konkretisiert die Anwesenheit der amerikanischen Truppen das Ende der unheilvollen Zeit.

Mit der Rückkehr der Kriegsgefangenen und dem In-Gang-Kommen der Wirtschaft, nimmt La Madeleine, dessen Einwohnerzahl seitdem über 20000 liegt, seine Entwicklung wieder auf. Die folgenden Stadtverwaltungen versuchen zunächst, die Wohnungskrise durch große Wohnanlagen mit günstigen Mieten zu beheben. Dieses Ziel stellt sich wegen der geringen Größe des Gemeindegebiets als schwierig heraus. Seit den 60´er Jahren versuchen umfangreiche, oft radikale, Maßnahmen, das anarchische Wachstum des 19.Jahrhunderts zu korrigieren. Sie betreffen vor allem die alten Arbeiterbezirke, d.h., Berkem und das Gebiet um die Jeanne-Maillotte-Straße. Ein neues Stadtviertel, das Neue La Madeleine, entsteht nahe des Bd. Périphérique, auf der Trasse der ersten Einsenbahnlinie von 1848.

Auch der jüngste Abschnitt der Straße der Republik ist tiefgehend umgestaltet: Die Avenue  Marschall Leclerc ist zur Verkehrsberuhigung von Lille Fives unterbrochen. Seit Kurzem (der Prozess ist noch im Gang) ist das Viertel Romarin, in dem schon das Gymnasium Valentin Labbé steht, eine riesige Baustelle geworden, die nach ihrer Beendigung eine durchgehende Stadtbebauung bis zum Bd Périphérique schaffen wird. Neue Einrichtungen, welche die heutige Gesellschaft fordert (Schwimmbad, Kindergarten, Sporthalle, Stadien, Grünanlagen) werden nach und nach geschaffen.

Die konsequenten Bemühungen um eine Verbesserung der Infrastruktur hat unserer Partnerstadt die begehrte Auszeichnung „ville fleurie“ (mit drei Blumen) eingetragen.